Geschichte vom Stier und rotem Tuch

Von Nana Twinkle-Eye

Übersetzung durch Kim Wagner.

Es war einmal ein Stier, der sah ein rotes Tuch. Doch dann verlor er es aus den Augen und geriet völlig außer Rand und Band. Es war gerade ein Co-Counseller zur Stelle, der sah, was geschehen war. Er bot dem Stier eine Sitzung an. Dieser nahm das Angebot an und ließ sich gemütlich dem Co-Counseller gegenüber nieder. Der ermutigte den Stier all seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Dann fragte er ihn, ob ihm bewusst war, dass er beim roten Tuch ein Verhaltensmuster habe, und ob er schon mal die Erfahrung gemacht hätte, über den Verlust des Tuches völlig außer Rand und Band zu geraten.

Auf diese Frage des Co-Counsellers folgte eine dramatische Geschichte des Stieres, der als Kind mit Vorliebe mit einem roten Tuch gespielt hatte. Er hatte es kurz nach seiner Geburt von seiner Mutter bekommen; die roten Blutflecken darauf erinnerten ihn an seine Geburt und den vertrauten Geruch seiner Mutter. Immer, wenn er nachts das Tuch zwischen seinen kleinen Hufen hatte, gab es ihm ein warmes Gefühl von Sicherheit. Der Geruch seiner Mutter im Tuch ließ ihn sanft einschlafen. Eines Tages kam der Stier an sein Bett und sah zu seiner Überraschung, dass das rote Tuch nicht mehr da war. Er fragte seine Mutter: „Wo ist mein rotes Tuch?“ Die lachte achtlos und antwortete: „Du solltest dich schämen. Du bist doch kein kleiner Stier mehr! Ich habe heute Morgen gesehen, dass du eine Erektion hattest. Es wird Zeit, dass du Kühe befruchtest.“ Damit war seine Mutter verschwunden und ließ ihn alleine in seinem Stall zurück. Er tobte all seine Gefühle aus, rammte die Hörner in die Wände des Stalls, schnaubte und brüllte bis er vor Erschöpfung zu Boden fiel. Der Stier fühlte sich erleichtert, als er seine Geschichte erzählt hatte. Hoffnungsvoll blickte er den Co-Counseller an. Dieser fragte ihn: „Und weißt Du, welches verborgene Bedürfnis hinter diesem Verhalten steckt?“ Die Lippen des Stiers begannen zu zittern und kurz darauf begann er zu weinen wie nie zuvor in seinem Leben. Der Co-Counseller besänftigte und unterstützte den Stier, indem er sagte: „Gut so“, „Mach ruhig weiter!“ oder „Es ist alles in Ordnung“! Plötzlich trocknete der Stier seine Tränen und sagte: „Ich hab’s! Über Nacht war mir verboten worden, weiter ein kleiner Stier zu sein. Ich will aber immer noch ein kleiner Stier sein, der abends mit einem roten Tuch schlafen geht.“ Daraufhin fragte der Co-Counseller: „Möchtest du von mir in den Arm genommen werden?“ „Ja, bitte!“ antwortete der Stier. Er fühlte sich noch etwas zittrig. Und dann war die Zeit seiner Sitzung auch zu Ende. Um mit seiner Aufmerksamkeit wieder ins Hier und Jetzt zurück zu kommen, bekam der Stier die Aufgabe, die Stäbe seines Stalls zu zählen. Dann umarmten sich beide und verabredeten die nächste Sitzung.

Der Stier war glücklich über diese Sitzungen und sein neu gewonnenes Bewusstsein seiner Selbst. Nun wusste er endlich, warum er immer so auf rote Tücher reagierte. 10 Sitzungen machte der Stier, um die Wut seiner Mutter gegenüber aufzulösen. Sie brachten ihm große Erleichterung. Mit der Zeit fiel es ihm immer leichter, mit seiner Wut in Kontakt zu kommen.

Eines Tages, als er mal wieder eine Sitzung hatte, war er völlig aufgebracht. Er erzählte seinem Co-Counseller, dass er beim Käsehändler gewesen war und plötzlich gemerkt hatte, dass dessen Frau seiner Mutter ähnlich sah. Als er so im Laden gestanden hatte, stieg in ihm der Ärger auf. Er hatte sich geschämt und dadurch angefangen heftig zu schnauben. Die Käseverkäuferin hatte ihn dann aufgefordert, dieses seltsame Verhalten zu lassen. Wie sollte er damit  umgehen, wenn er das nächste Mal Käse kaufen wollte? Sein Begleiter ermutigte ihn, alle Gefühle, die er gegenüber dieser Frau hatte, auszudrücken. Das tat er und war wieder erleichtert. „Diese Sitzungen sind so ein geschützter Raum, in dem man sich wunderbar mit seinen Gefühlen auseinandersetzen kann“, sagte der Stier.

In der nächsten Woche ging er wieder zu dem Laden, um Käse zu kaufen. Er war sehr vorsichtig und hatte seine neu gewonnenen Einsichten sehr bewusst und gegenwärtig. Bevor er ein Wort sagen konnte, legte die Käsefrau unbeherrscht los: „Und? Werden wir uns heute wieder so daneben benehmen?“ Diesmal fühlte sich der Stier stark und antwortete: „Wenn du so etwas noch einmal sagst, hole ich dich hinter der Theke hervor!“ Die Frau tat völlig unberührt und sagte nur: „Ich sehe schon, du bist nicht mehr so umgänglich wie früher. Du wirst wohl langsam erwachsen.“

Bei der nächsten Sitzung war der Stier sehr still und es fiel ihm schwer, sich zu bewegen. Er fühlte sich niedergeschlagen. Seine Knochen schmerzten. Er konnte in seinem Körper spüren, dass er älter wurde. Der Co-Counseller ermutigte den Stier, zu entlasten, entlasten und noch mal entlasten.

 

 


 

Nun eine andere Geschichte in diesem Zusammenhang. Diesmal geht es um einen schottischen Hochlandstier. Dieser Stier hatte ein rotes Tuch gesehen. Und reagierte auch wie angestochen. Auch dieser Stier traf einen Co-Counseller, der ihm eine Sitzung anbot und ihn fragte, ob er ihm einen Weg zeigen dürfe, Schmerz in Kraft zu verwandeln. Der Stier freute sich darüber.

Der Co-Counseller fragte ihn zuerst, ob er ihm die Situation genau beschreiben könne, z.B. genau die Stelle, an der er das rote Tuch gesehen habe und ob noch andere Stiere dabei gewesen seien. Der Stier beschrieb ganz genau, was passiert war. Es wurde deutlich, dass das rote Tuch etwas im Stier ausgelöst hatte, darüber waren die beiden sich einig.

Zweiter Schritt: Sie vereinbarten, dass der Co-Counseller dem Stier das rote Tuch vor die Nase halten sollte und der Stier 2 Minuten lang alles sagen durfte, was ihm einfiel, wenn er das rote Tuch anschaute. Die Worte stürzten nur so aus ihm heraus, wie ein Wasserfall. Danach wurde 2 Minuten ausschließlich und ohne Worte entlastet (durch seltsame Laute, einfache Töne, Geplapper) und dann folgten 2 Minuten völlig ungesteuerte Entlastung.

Dritter Schritt: Kontaktaufnahme mit tiefer liegenden Gefühlen. Der Stier spürte Trauer, Wut und dass die Welt ihm nicht mehr die Sicherheit bot, um sich klein fühlen zu können. Er empfand dies als  Verlust. Außerdem fühlte er sich unter Druck sexuell Leistung bringen zu müssen. Der Stier erinnerte sich daran, wie die Mutter ihm das rote Tuch weggenommen  und ihm befohlen hatte, sexuell aktiv zu werden. Er kam in Kontakt mit verschiedenen Gefühlen ohne eine starke Entlastung herauszufordern oder anzustreben. An diesem Punkt forderte der Co-Counseller den Stier auf, sich ein inneres Bild der Erinnerung an seine Mutter zu machen, das er später in einer Videositzung benutzen könnte.

Vierter Schritt: Welche Möglichkeiten hast du nun? Was willst du jetzt weiter machen? Der Co-Counseller forderte den Stier auf, darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten es gab, in Zukunft auf rote Tücher zu reagieren. Der Co-Counseller hielt dem Stier das rote Tuch wieder vor die Nase.

Jetzt nutzt der Stier seinen Verstand, sein logisches Denken:

1.)    Ich kann weg gehen

2.)    Ich kann ruhig durchatmen und meine Aufmerksamkeit auf irgendeinen Punkt in der Umgebung richten

3.)    Ich kann das Tuch mit einer anderen Farbe anmalen

4.)    Ich kann auf das rote Tuch spucken

5.)    Ich kann mich auf dem Tuch selbstbefriedigen

Der Co-Counseller fragte: „Was wäre dein Herzenswunsch? Mit anderen Worten: wähle eine der Möglichkeiten, die du gefunden hast.“ Der Stier wählte die 2. Lösung.

5.Schritt. Den Co-Counseller entrollen.
In diesem Fall war das nicht nötig, weil das rote Tuch der Auslöser war. So bekam der Stier stattdessen als „Herauskommer“, um wieder präsent zu sein, die folgende Aufgabe: „Zähle die gelben Blumen auf der Wiese."

Der Stier wollte zunächst keine weitere Sitzung vereinbaren. Er fühlte sich stark genug, dem Leben die Stirn zu bieten, obwohl er noch nicht einmal eine besonders intensive Sitzung gehabt hatte. In dieser Nacht träumte er von sich und seiner Mutter. Er hatte eine mächtige Erektion und die Mutter war ganz in Rot gekleidet. Sie stand auf der Wiese auf der anderen Seite des Flusses. Als der Stier am nächsten Tag erwachte, entschloss er sich den Co-Counseller anzurufen, um sich mit ihm für eine Videositzung zu treffen, denn er hatte gemerkt, dass er irgendetwas Derartiges tun musste. Sie verabredeten sich für die kommende Woche.

Der Co-Counseller kam und erklärte ihm die Videotechnik. Der Stier konnte seine Erinnerungen in seiner Vorstellung auf eine Leinwand projizieren.

Die 1. Frage des Co-Counsellers war:  „Was für ein Bild siehst du?“

Der Stier sah sich als Kälbchen, das seine Hörner gegen die Stangen des Stalls rammte, weil seine Mutter ihm sein rotes Tuch weggenommen und etwas über seine Erektion und das Befruchten von Kühen gesagt hatte. Der Co-Counseller forderte ihn auf, in der Gegenwartsform und der dritten Person zu sprechen. Es wurde klar, dass dieses traumatische Bild bisher noch nicht verarbeitet war.

Der Co-Counseller forderte den Stier nun auf, sich ein Bild aus der Zeit vorzustellen, als alles noch in Ordnung war. Dem Stier kamen Bilder aus einer Zeit in Erinnerung, als er noch jung war und mit anderen Kälbern auf der Weide spielte und davon, wie die Mutter ihn mit ihrem warmen weichen Körper beschützte. Der Co-Counseller fragte: „Kannst du dem kleinen Stier etwas Liebevolles oder Unterstützendes sagen?“ Als er auf das Bild sah, begann der Stier ein wenig zu weinen und sagte: „Du bist einfach ein wunderschöner und unschuldiger Hochlandstier.“

Daraufhin forderte der Co-Counseller ihn auf, zum nächsten Bild zu gehen. Der Stier sah sich in seiner Box liegen, das Mondlicht fiel durchs Fenster. Er lag friedlich da, das rote Tuch zwischen seinen kleinen Hufen. Wieder bat ihn der Co-Counseller, dem kleinen Stier etwas Liebevolles zu sagen. Der Stier sagte: „Du bist so unschuldig und eigentlich sogar richtig süß.“

Nächstes Bild: Er sah den kleinen Stier, dem seine Mutter sagte, er solle sich schämen, weil er noch immer mit dem roten Tuch schlafen wollte. Er fühlte diese Scham jedes Mal sofort, wenn er eine Erektion bekam. Wieder wurde er aufgefordert, etwas Liebevolles zu dem kleinen Stier zu sagen. Das konnte der Stier nicht. Er war zu wütend auf seine Mutter, die ihn so unsensibel behandelt hatte. Er erkannte, dass er so nicht hätte behandelt werden dürfen. „So hätte sie nicht mit dir umgehen dürfen“, sagte er leise. „Was hat er denn verdient?“ fragte der Co-Counseller. „Er hat eine Mutter verdient, die ihn einfach mit dem roten Tuch schlafen lässt, und selbst wenn er das noch mit 50 tut.“

„Kannst du zu ihm sagen „Ich liebe dich?“ fragte der Co-Counseller. Der Stier wiederholte diese Worte und Tränen füllten seine Augen, “Tja, irgendetwas ist da kaputt gegangen. Da ist es passiert. Ich freue mich nie über meine Erektionen. Jedenfalls nie so richtig.“ Wieder fragte der Co-Counseller: „Was möchtest du dem kleinen Stier sagen?“ Er sagte: „Deine Mutter hat dir innerhalb eines kurzen Augenblicks die Kindheit genommen und dich in die Rolle eines sexuell erwachsenen Stiers geschubst. Das ist schrecklich für dich. Und dann hat sie auch noch gesagt, du sollst dich schämen!“

Der Stier fing an zu weinen. Der Co-Counseller fragte: „Kannst du ihm sagen ‚ich liebe dich’?“ „Ja, ich liebe dich! Und du brauchst dich für nichts zu schämen. Nicht einmal dafür, dass du im Traum mit einer Erektion auf deine Mutter reagiert hast.“ Und er begann zu lachen, als das Traumbild wieder lebendig wurde. Genug für heute!

Sie beendeten die Sitzung, indem sie noch einmal alle Bilder durchgingen und sie an den Fingern des Co-Counsellers aufzählten. Nach dem Herauskommer („Wie viele Flecken hast du auf der Haut?“) verabschiedeten sie sich. Zum Schluss rief der Stier: „Ich rufe dich an, wenn ich wieder eine Sitzung brauche.“ Er fühlte sich stark genug, dem Leben entgegenzutreten.

Glücklich kaufte er im Käseladen ein Stück Käse bei der Käsefrau.